Hafen List (oder Gosch, …oder so)

1971 besuchte ich erstmals den Lister Hafen auf Sylt. Damals standen dort dicht gedrängt noch ausschließlich Krabbenkutter und Fischerboote  (Foto: Aug. 1971)| Nordseeinseln | Sylt | List | ...Lister Hafen

Im August 1973 war ich erneut dort, der Hafen sah immer noch ähnlich aus. Neu war nur, dass direkt am Hafen nun eine zusammengezimmerte ca. 2 m breite Bretterbude (ausgeschmückt mit gefühlt ca. hundert Werbetafeln) stand. Die Bude bot Fisch feil und nannte sich ‚Nördlichste Fischbude Deutschlands‘.

Leider habe ich von der Bude damals kein Foto geschossen. Fand die Bude sowieso nicht besonders fotogen, zumal ich auch nur einen ’24er-Farbfilm‘ drin hatte, da galt es noch jeden Schnappschuss wohl überlegt einzusetzen.

Allerdings schoss ich am gleichen Tag noch das nachfolgende Hafenbild (die Fischbude stand direkt rechts neben dem Bild)im Lister Hafen - Aug. 1973

Die ‚Nördlichste Fischbude Deutschlands‘, das konnte ich mir natürlich keinesfalls entgehen lassen, denn ‚Norden‘ fand ich immer gut.
Ich verspeiste dort ein leckeres (soweit sich meine Geschmacksknospen noch erinnern können) Fischbrötchen. Dabei kam ich mit dem Mann hinterm Tresen ins Gespräch und als wir nach kurzer Zeit feststellten, dass wir beide von Beruf Maurer waren, war das Förmliche direkt vorbei.

ich bin Jürgen
„ich Helmut“

Jürgen erzählte, dass er bisher hauptberuflich als Maurer gearbeitet hat und in den letzten Jahren hier auf Sylt nebenher als selbstständiger Fischverkäufer gejobbt hätte. Mit dem Mauern wär‘s aber nun (oder bald, ich weiß nicht mehr genau) vorbei. Er bräuchte die Selbständigkeit und glaubte mit seiner Fischbude könnte er sich zusehends auch finanziell wohl über Wasser halten. Wenn‘s weiterhin so läuft, überlege er sogar seine Bude zu vergrößern.

Jürgen fragte mich dann: warum bist du denn Maurer geworden?

Meine Eltern konnten sich ausnahmslos vorstellen, dass ich die Volksschule abschließe und dann eine Lehre mache.
. . . . . . Jürgen warf kurz ein:War bei mir genauuu so!
Meine Klassenlehrerin intervenierte und meinte ich sollte aufs Gymnasium. Daraufhin einigten sich Eltern und Lehrerin auf Realschule. Mir war das damals völlig schietegal.
Als ich die Realschule beendete, hatte ich inzwischen doch eine Vorstellung wie es weiter gehen sollte, ich wollte Bauingenieur werden. Das war auch mit Realschulabschluss, plus einer abgeschlossenen Lehre, möglich. Also machte ich eine Maurerlehre und meine Eltern waren somit dann auch beglückt (win-win).

Jürgen erzählte, dass für ihn nur Fischer oder Maurer zur Debatte stand,
meine Mutter plädierte für Maurer, war ihr zukunftssicherer und so wurde ich dann eben auch Maurer

Als wir (deutlich später) dann Abschied nahmen, glaube nach Vertilgung eines weiteren Fischbrötchens und 1 oder 2 Bier, oder war’s ’nen Pharisäer?, …oder so,
rief Jürgen mir noch nach: „komm mal wieder vorbei!

Jau, mach ich Jürgen!

 

46 Jahre später

November 2019: ich hab‘s leider erst jetzt geschafft endlich mal wieder am Lister Hafen zu sein.
Sieht schon ’nen bü’sch‘en anders aus…Sylt-Hafen List

Aber wo ist denn nun Jürgens Fischbude?
Würde gern unseren damaligen Dialog fortsetzen und abklären inwieweit wir unsere Vorstellungen und Wünsche tatsächlich realisieren konnten.

Aber keine ‚kleine Fischbude‘ zu sehen.
Hier steht stattdessen ein großes Gebäude, ähnlich einem Zirkuszelt, mit anliegendem Stallgebäude. Auf dem Bauwerk prangt irgendwas mit ‚Gosch‘ und ‚Fisch‘, …oder soSylt-Hafen ListHatte Jürgen tatsächlich seine Fischbude dermaßen ausgebaut?
(mein Weitwinkelobjektiv war garnicht weit genug um alles drauf zu kriegen)

Allerdings stand nirgendwo ‚Jürgen‘ dran, an diversen Gebäuden auf dem Hafenplatz stand überall nur ‚GOSCH‘.
Vielleicht hieß Jürgen ja tatsächlich ‚Gosch‘, weiß nich‘. Wir hatten uns ja damals garnicht erst förmlich vorgestellt, stattdessen gleich geduzt, is‘ aufn Bau so üblich.

Egal, nix wie rein!
Watt is‘ dat denn? Alles rappelvoll, sogar im November…
Ich schlängelte mich (so weit es mir figürlich noch möglich war, seit damals habe ich nämlich mindestens 1 wenn nicht sogar 2 kg draufgesattelt, …oder so) durch die Massen, aber Jürgen war nirgends auffindbar.

Ich fragte die Bedienung ob das hier Jürgens Fischbude sei.
Ja, kannste so sagen, dat is Jürgen Gosch seine Fischbude

…und ist er vielleicht hier?
„Nee, immer seltener. Wenn er auf Sylt ist, ist er meistens in seinem Restaurant in Wenningstedt oder in Sansibar“

S A N S I B A R ? – boah, ganz schön weit weg!

Oder meinte die nette Bedienung vielleicht die kleine schlichte Bretterbude in den Rantumer Dünen? Da war ich mal in den 70er, die hieß, glaube mich noch dunkel erinnern zu können, doch ‚Sansibar‘, vielleicht gibt’s die ja sogar noch?

Naja, wird wohl kaum sein, dass der nun so mega erfolgreiche, begüterte Jürgen sich heute in einer so schlichten, armseligen Bretterbuden-Kneipe aufhält, undenkbar.

Wahrscheinlich wird er dann doch wohl ‚auf‘ Sansibar sein…
Na klar! Nun verstand ich warum Jürgen nur noch selten am Lister Hafen anzutreffen war, stattdessen lieber durch die Welt jettet, denn…
wir (Jürgen und ich) haben inzwischen wieder mehr Zeit und
nach fast 50 Jahren wohl erneut den gleichen Beruf  –  R E N T N E R



Für die Genauigkeit aller Begebenheiten und Zitate dieses Beitrages würde ich meine Hand heute nicht mehr ins Feuer legen. Aber im Wesentlichen hat sich unser Plausch an der ’nördlichsten Fischbude Deutschlands‘ im August 1973 tatsächlich so zugetragen.
Ich ärgere mich schon ein wenig, dass ich damals so geizig war und nicht doch 1 oder evtl. sogar 2 Bilder meines tollen ’24-er-Farbfilms‘ geopfert habe, für ein Gruppen-Portrait:

J Ü R G E N  und  I C H  und die  2m-F I S C H B U D E

 

Nachtrag:
müsste noch etwas richtig stellen, die Firma „Gosch“ schrieb mir nämlich folgendes:

Gosch
Wir haben Ihren Blog mit großer Freude gelesen.
Eine Kleinigkeit zum Schluss stimmt allerdings nicht. Da hat man Ihnen leider falsche Informationen gegeben.

Herr Gosch ist immer noch täglich in List in seiner „nördlichsten Fischbude“ anzutreffen.
Zum Zeitpunkt Ihres Besuchs war Herr Gosch allerdings im Urlaub (aber nicht auf Sansibar….)
i.A. Sara Holst, Gosch LFG GmbH, „Dock 47“, Pinnasberg 47, 20359 Hamburg

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10 replies »

  1. Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Sehr spannend und unterhaltsam. Würde mich nun doch total interessieren, was herausgekommen wäre, wenn Jürgen und Helmut sich tatsächlich nach den 46 Jahren wieder getroffen hätten!

    • Danke Marion, die Begegnung ist nicht aufgehoben, nur aufgeschoben. Denn, wie ich im Nachtrag noch eingefügt habe, ist Jürgen wohl immer noch täglich in seiner Fischbude in List, er war zum zeitpunkt meines Besuchs leider in Urlaub.

      • Ah…, danke Helmut. Den Nachtrag hatte ich noch nicht gesehen. Na in dem Fall… werden wir vielleicht mal lesen, was daraus geworden ist! Schade, dass er grad dann in Urlaub war. Aber immerhin weißt du jetzt Bescheid 🙂 und kannst den Besuch nachholen.

  2. Hallo Helmut,

    schöne Geschichte. Stell Dir mal vor, Du hättest damals die Fischerhütte fotografiert, nicht auszudenken was Jürgen dir dafür gegeben hätte … Mindestens einen Hummer 🙂

    LG Bernhard

  3. Lieber Helmut,
    ich finde, es schreit vielleicht nicht, aber ruft doch mindestens mittelstark nach einem neuen Anlauf. 😉 -> Treffen der Herren

    Ich habe jedenfalls nicht nur sehr fasziniert geschaut, wie sich List, sein Hafen und die Fischerhütten veränderten, sondern auch äußerst gepackt eure Unterhaltung verfolgt und gestaunt, wie und in welchen Ausmaßen sich „Jürgens“ Projekt „größere Fischerbude“ realisierte, er sich als DER Jürgen (Gosch) entpuppte und du ihm nun nach so langer Zeit fast wieder über den Weg gelaufen wärst. Geschichten gibt’s! Toll.
    Falls sich auf beiden Seiten Interesse zeigt oder die Neugier ein bisschen regt, wäre doch ein weiterer Besuch auf Sylt mit Wiederrsehen nach nicht erst weiteren 46 Jahren eine grandiose Sache.

    Habe den heutigen Eintrag mit deinen Erlebnissen sehr genossen!
    Lieber Gruß
    Michèle

    • Freut mich sehr, liebe Michèle! Vielen Dank für deinen wieder mal wunderbaren Kommentar.
      Bei deinen Texten fällt mir immer wieder Reinhard Meys Zeile aus seinem Lied ‚Immer mehr‘ ein:
      …’wo nimmt sie all die schönen Worte her’…, find ich echt beneidenswert.
      Lieben Gruß, Helmut

  4. Lieber Helmut,
    tolle Geschichte!
    Ich kann bestätigen, was Frau Holst sagt.
    Jürgen Gosch ist echt oft in List anzutreffen. Er „arbeitet“ oft bis spät in die Nacht.
    Gerade an reine Damen-Tische setzt er sich gern auf ein Getränk dazu. Und erzählt.
    Angefangen von der Maurer-Lehre in Tönning.

    Ein echtes Phänomen, der Mann (aber ich glaube er hat auch 1 kg seit Eurem letzten Treffen zugenommen. Oder 2.)

    Liebe Grüße, Stefanie

    • Danke Stefanie, für deine ergänzenden Infos.
      Das mit dem Damen-Tisch gefällt mir besonders, da haben ‚Jürgen und ich‘ ja schon wieder was gemeinsam…
      Liebsten Gruß, Helmut

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